27.10.2018

Lost im »Neusehland«

Schauspieler Ulrich Matthes liebt das Vorlesen. »Das ist auf schöne Weise altmodisch und hat etwas von der Ursituation am Lagerfeuer«, meint er. Und er schafft es, diese Atmosphäre auch im hell erleuchteten Brillengeschäft zu erzeugen.

Was hat er nicht schon alles gespielt! Böse wie Gute, im Film und auf der Theaterbühne. Er hat als Jugendlicher dem segelohrigen Jason aus den »Waltons« seine Stimme verliehen, spricht Hörbücher in großer Zahl ein. Und dennoch ist es immer die eine Rolle, auf die Ulrich Matthes angesprochen wird: Goebbels in »Der Untergang«. Auch im Gespräch mit Krimifestival-Gastgeber und »Neusehland«-Geschäftsführer Bernd Vitu ist diese Rolle natürlich Thema. Und Matthes, im schicken blauen Anzug und von unerwarteter Feingliedrigkeit, bremst ihn geschickt aus: »Ich habe so viele Sympathieträger gespielt. Es macht mich schon ein bisschen rammdösig, wenn ich immer wieder auf den Goebbels angesprochen werde.« Generell wolle er zwar Figuren, die er spielt, auch immer ein bisschen verteidigen, doch »diese Verteidigung verbot sich bei Goebbels«.

Doch auch ohne die berühmte Rolle haben die beiden beim Plausch vor dem Fahrstuhl, inmitten der dicht gedrängt sitzenden Zuschauer, jede Menge Gesprächsstoff. Matthes, in der Tat ein echter Sympathieträger, erzählt von seiner Kindheit in einer gutbürgerlichen Familie, seinen Anfängen als Kinderdarsteller im Filmgeschäft und seiner Liebe fürs Theater, die dann doch stärker war als die Überlegung, einmal Lehrer werden zu wollen. Und auch seine Vorliebe für Hessen an sich und seine Grüne Soße im Speziellen bekennt der Schauspieler überzeugend – und schafft es, dass das noch nicht einmal anbiedernd herüberkommt. »Ich bin eigentlich ganz harmlos«, ist sich Matthes sicher, der im Film immer wieder gerne als der abgründige Böse oder der geheimnisvolle Widersacher besetzt wird. Legendär sein Auftritt im genialen Hessen-Tatort als diabolischer Gegenspieler von Ulrich Tukur, der an diesem Abend natürlich auch angesprochen werden muss. Doch aktuell wichtiger sei ihm sein neuester Film »Fremder Feind«, der demnächst im Fernsehen erneut ausgestrahlt wird, und in dem Matthes den Vater eines gefallenen Soldaten spielt, der selbst in eine Spirale der Gewalt gerät.

Und dann, nach fast einer halben Stunde angeregtem Gespräch, wird Matthes doch ein wenig ungeduldig. Vorlesen will er, denn dafür ist er schließlich zum Krimifestival nach Gießen gekommen und hat die an diesem Tag wegen des ICE-Brands bei Montabaur extrem schwierige Anfahrt auf sich genommen. »Mir macht es Spaß, nur mit der Stimme eine Atmosphäre zu erzeugen, für die man sonst einen ganzen Theaterapparat bräuchte«, sagt der Schauspieler mit den tiefliegenden Augen und der fesselnden Stimme und zeigt in den folgenden eineinhalb Stunden, was das in der Umsetzung bedeutet. Aus Gil Ribeiros Portugalkrimi »Lost in Fuseta« liest er die ersten Kapitel, in denen die Personen und der marottenreiche Ermittler eingeführt werden, und lässt sich selbst von der Vielzahl der portugiesischen Namen nicht aus der Ruhe bringen. Wie eine samtige Umarmung wirkt Matthes’ Stimme und viele der Zuhörer links und rechts von ihm schließen im schlauchartigen Laden die Augen. Matthes, der passenderweise vor einer angedeuteten Azulejo-Wand sitzt, schlüpft meist ohne starke Modulationen seiner Stimme in die unterschiedlichen Sprechrollen, bleibt hochkonzentriert, auch als durch die geöffnete Ladentür von außen Schreie dringen, und schafft im hell erleuchteten Brillengeschäft tatsächlich eine Art »Lagerfeuerromantik«. Er ist eben nicht nur ein »Gigant auf der Bühne«, wie ihn Bernd Vitu angekündigt hatte, sondern auch ein brillanter Vorleser.

Ermittler mit Asperger-Syndrom »Lost in Fuseta« ist der erste Fall für Ermittler Leander Lost, der für ein Jahr seinen Dienst in Portugal versieht. Erst langsam kommen seine Kollegen dem Mörder eines Privatdetektivs auf die Spur sowie der Tatsache, dass Losts Merkwürdigkeiten dem Asperger-Syndrom geschuldet sind. Dessen Inselbegabungen sind allerdings äußerst hilfreich bei der Lösung des Falls um die schmutzigen Machenschaften eines Wasserversorgers an der Algarve.

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