02.10.2017

Begeisterndes Understatement

Krimifestival bei »Neusehland«: Jörg Schüttauf liest aus »Der Angstmann« (Gießener Allgemeine, 02.10.2017)

Gießen. Der Angstmann geht um. Oder ist es nur der Wind? Dresden im letzten Kriegswinter, 1944: Eine Frauenleiche wird übel zugerichtet in einem Bootshaus gefunden. Kriminalinspektor Max Heller ermittelt und stellt alsbald fest: Nicht jeden interessiert die Aufklärung des Mordfalls einer Berliner Krankenschwester so sehr wie ihn. Denn zwangsläufig ist die Frau ein Opfer unter vielen, wenn die  Stadt fast jede Nacht von Bombenangriffen der Alliierten heimgesucht wird. Der Thriller »Der Angstmann« von Erfolgsautor Frank Goldammer war nach dem Auftakt mit Christine Urspruch (Tatort Münster) die zweite Lesung im diesjährigen Krimifestivalmarathon von Uwe Lischper und Teil der zehnten kriminalistischen Veranstaltung, die in der Geschäftsstelle von »Neusehland« ausgetragen wurde.

Lesen durfte der ehemalige Frankfurter Tatort-Kommissar Jörg Schüttauf alias Fritz Dellwo, der mit seinem ausgewiesenen Understatement das Publikum begeisterte. »Er ist vielleicht nicht der geborene Vorleser«, meinte eine Zuhörerin später beim Imbiss draußen im Zelt vor dem Optikergeschäft am Kreuzplatz, doch dem Interview, das eingangs mit Schüttauf geführt worden sei, habe man sehr gerne zugehört. Der  Schauspieler, der schon mit sechs Jahren wusste, wo es ihn beruflich einmal hinziehen würde – »Ich hatte nur diesen einen Wunsch« –, erzählte aufgeschlossen vom ersten Engagement in Potsdam, vom strukturierten Ablauf in der ehemaligen DDR, seiner Kindheit in Chemnitz und der paradoxen Maschinerie heutiger Casting-Agenturen, die es einem Darsteller schwer machten, das Rollenfach zu wechseln. Denn »Kommissar, das kann er einfach gut«, so die einhellige Meinung über den Chemnitzer.

 Festivalchef Lischper jedenfalls hatte den letzten literarischen Erfolg des Dresdner Autors Goldammer für die Lesung ausgewählt, da er geschickt Parallelen von damals und heute inszeniert. Außerdem wird der gelernte Lackierer  Goldammer zur  diesjährigen Frankfurter Buchmesse sein neues Werk »Tausend Teufel« präsentieren und aus diesem dann am 12. Oktober auch im Gießener Mathematikum persönlich lesen. Goldammer selbst stammt aus  Dresden. Dresden, wo Pegida geboren wurde. Dresden, wo der Rechtsextremismus immer noch und immer mehr ausgeprägt zutage tritt. Und wenn im Roman »Der Angstmann« die Flüchtlinge auf Betteltour gehen und Menschen wegen ihrer Religion gejagt werden, dann kann keiner sagen: »Das war einmal«. Goldammer flicht historische Details in die Handlung um Hellers Ermittlungen ein und lässt den  Kriegswinter für den Leser nachvollziehbar werden. Die Kälte der Menschen gegenüber ihresgleichen ist erschreckend und aus der Perspektive der  Angst um  das eigene Leben gleichsam nachvollziehbar. Ein spannender Krimi, realistisch geschrieben. Und ein solider Vorleser, der mit seinem Understatement Raum für den Plot lässt. Das kann auch nicht jeder Schauspieler.