02.10.2017

Das „Rumpelstilzchen“ und der „Angstmann“

KRIMIFESTIVAL Früherer „Tatort“-Kommissar Jörg Schüttauf liest bei „Neusehland“ / Grausamer Mordfall aus Dresden (Gießener Anzeiger, 02.10.2017)

GIESSEN. Als „Rumpelstilzchen“ hat er erstmals Theaterluft geschnuppert. Und das hat den Sechsjährigen so begeistert, dass sein Berufswunsch augenblicklich feststand: Schauspieler. Reichlich Talent war offenkundig vorhanden.  Denn: „Ich wusste schon nach der achten Klasse, dass ich an der Theaterhochschule Leipzig angenommen bin“, erzählt Jörg Schüttauf nicht ohne Stolz. Dort startete er nach einer Lehre als Theatertischler und  dem Wehrdienst dann auch 1986 seine Karriere. Inzwischen gehört der 55-Jährige mit vier Grimme-Preisen, dem Deutschen Fernsehpreis und zuletzt dem Bayerischen Filmpreis längst zur ersten Riege der deutschen Darsteller. Deshalb ist der gebürtige Karl-Marx-Städter auch „perfekt für unser Anliegen“, schwärmt Bernd Vitu. „Bekannte Schauspieler sehen und hören“, hat nämlich während des Gießener Krimifestivals bei „Neusehland“ Tradition. „Wir haben ja auch was mit Brillen und Hörgeräten zu tun“, sagt der Geschäftsführer des Unternehmens bei der Begrüßung der rund 180 Gäste zu einem spannenden und kurzweiligen Abend. Im Mittelpunkt steht dabei der Kriminalroman „Der Angstmann“ von Frank Goldammer, aus dem Jörg Schüttauf zum ersten Mal“ vor Publikum liest.

Als langjähriger Ermittler im Frankfurter „Tatort“ hat der schlagfertige und sehr nahbare Akteur reichlich Erfahrung mit Mord und Totschlag. Wenn auch nicht immer auf der „richtigen Seite“ des Gesetzes. „Bei Lena Odenthal war ich viermal hintereinander der Verbrecher“, erzählt der Vater einer Tochter. Und fügt grinsend hinzu: „Die hatte damals schon keine Lust mehr mitzuspielen.“ Damit hat er – wie mehrfach an diesem Abend – die Lacher auf seiner Seite. Fröhlich plaudert er von seinen Einsätzen als „Der Fahnder“ und natürlich auch von der Mörderjagd als Fritz Dellwo an der Seite von Charlotte Sänger. Im vergangenen Jahr war übrigens mit Andrea Sawatzki die weibliche Hälfte des beliebten Ermittler-Duos bei „Neusehland“ zu Gast. Und nun fesselt ihr Ex-Kollege Jörg Schüttauf die Zuhörer mit dem ersten Mordfall von Kriminalinspektor Max Heller, der in den Wirren des letzten Kriegs- winters in Dresden spielt. Im November 1944 finden zwei Jungen in einem Schuppen nahe der Elbe die grausam zugerichtete Leiche einer Frau. „Das war die Tat eines Wahnsinnigen“, ist Heller überzeugt. Und schnell geht das Gerücht um: Der Angstmann sucht weitere Opfer. Doch die Ermittlungen gestalten sich überaus schwierig. Flüchtlingsströme drängen in die Stadt, in der Fliegeralarm längst zum Alltag gehört. Die Bevölkerung leidet unter Hunger und Entbehrungen. Aber auch den Ermittlern fehlt das Allernötigste, um den Tatort zu fotografieren, Spuren zu analysieren oder auch den Leichnam zu obduzieren. Obendrein muss sich der akribische Kriminalist mit seinem neuen Chef herumschlagen, dem fanatischen SS-Obersturmbannführer Rudolf Klepp. „Er war noch nie Polizist gewesen, stattdessen hatte er vor seiner SS- Laufbahn Fleischer gelernt.“

Jörg Schüttauf lässt sich auf die beklemmende Stimmung des Krimis ein, der geschickt das fiktive mörderische Treiben in die realen historischen Ereignisse einbettet. Die Gespräche zwischen Max Heller und seiner Frau Karin liest er mit gefühlvoller, leiser Stimme. Den neugierigen Hausmeister lässt er sächselnd seine schroffen Antworten hervorbringen und den ignoranten SS-Vorgesetzten zackig seine Befehle herausbrüllen. Und selbst, als der 55-Jährige kurz über eine Passage stolpert, findet er charmant wieder zum Text zurück.

Lässig gekleidet mit Jeans, grauen Sneakers und dunkelgrauem Jackett sitzt Jörg Schüttauf mitten im Geschäftsraum in einem weißen Drehsessel, in dem er mitunter leicht hin und her schwingt, vor einer stilisierten schwarzen Mauer. Daneben steht ein weißes Herrenfahrrad – beides farblich angelehnt an das Cover von „Der Angstmann“. An den Wänden erinnern zudem Fotos an die Bombenangriffe auf Dresden, die am 13. Februar 1945 schreckliche Zerstörungen zur Folge hatten. Und in jener Nacht kommt es auch zum dramatischen Höhepunkt in dem Kriminalfall. Das Ende verrät der Schauspieler natürlich nicht, sondern macht sich nach rund 75 Minuten sogleich ans Unterschreiben von Autogrammkarten und Signieren des Romans. Dabei posiert er fröhlich mit – überwiegend weiblichen – Zuhörern, plaudert über Dreharbeiten und beantwortet allerlei Nachfragen. Ob er zuvor schon einmal in Gießen war, kann er nicht mit Bestimmtheit sagen. „Womöglich war ich mit einem Stück auf Tournee schon mal hier“, überlegt er beinahe entschuldigend im Gespräch mit dem Anzeiger. „Aber ich weiß natürlich, dass hier das Notaufnahmelager war.“ Denn das war für viele Menschen aus der ehemaligen DDR „ja die allererste Anlaufstation“.

DREI FRAGEN

Vor der Lesung erzählt Jörg Schüttauf dem Publikum von seiner Arbeit als Schauspieler und neuen Projekten.

Sie haben in „Der Fahnder“ viele Jahre Verbrecher gesucht und waren natürlich auch als Hauptkommissar Fritz Dellwo im Tatort auf Mörderjagd. Liegt Ihnen die Rolle des Ermittlers besonders gut?

Das ist die Schwierigkeit, dass man im Casting schnell in einer Schublade drin ist. Dann heißt es, der kann ganz gut Kommissar, aber der kann bestimmt nicht lustig sein oder eben umgedreht. Das ist zum Glück bei mir doch etwas anders gelaufen, so dass ich viele Schubfächer in einem großen Schrank bedienen kann.

Theater, Fernsehen oder Film: Auf welcher Bühne fühlen Sie sich am wohlsten?

Das Theater gibt Dir sicherlich am meisten zurück. Das ist ein ehrliches Live-Erlebnis. Beim Film ist man meist nur einer von vielen. Also wenn ein Film gut geworden ist, Du am Ende einen Preis bekommst, ist das nicht alles nur Deine Arbeit. Das sind ganz viele, die daran mitgewirkt haben. Und wenn Du keinen Preis bekommst, ist das auch nicht Deine Schuld. Wenn Du Pech hast, wirst Du am Ende sogar noch herausgeschnitten. Im Theater gibt es nur die eine Totale.

Sie haben für Ihre Rolle als Double von Erich Honecker in dem Film „Vorwärts immer“ den Bayerischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Darsteller“ gewonnen. Wann können wir den Film sehen?

„Vorwärts immer“ kommt am 12. Oktober ins Kino und ich bin sehr stolz darauf, wie der Film geworden ist. So ein lustiges Drehbuch hatte ich noch nie. Überhaupt gibt es selten Komödien, über die ich lachen kann. Aber das ist ein gelungenes Stück über deutsche Geschichte, aber sehr undeutsch komisch aufgearbeitet. Ebenfalls schon abgedreht ist der Film „Macht Euch keine Sorgen“, in dem es um einen Jungen geht, der völlig überraschend nach Syrien zum IS geht. Ich spiele den Vater, der nach Antworten und Lösungen sucht. Und für das ZDF werde ich einen DDR- Volkspolizisten im Harz spielen. (hh)

Von Heidrun Helwig